August 05, 2022 · Keine Kommentare!

Beweglichkeit durch Yoga

Ich bin nicht beweglich genug fürs Yoga. Sätze wie diese höre ich immer wieder. Um es kurz zu machen: Das ist – mit Verlaub – Quatsch. Warum? Weil Beweglichkeit keine Voraussetzung ist, um Yoga zu üben. Mehr Beweglichkeit kann ein Ziel sein.

Unser Alltag macht uns unbeweglich

Viele Bewegungen in unserem Alltag führen dazu, dass unsere Muskeln schwach werden und verkürzen und das Bindegewebe "verklebt". Ständiges und langes Sitzen, Arbeiten am PC oder mit dem Handy – all das kann dazu führen, dass es im Brustbereich eng wird, die Schultern rund und es auch im unteren Rücken zu spüren ist. Manchmal führt das zu Schmerzen, manchmal zu einem allgemeinen Unwohlsein und manchmal kann dies auch die Atmung tangieren. Yoga kann helfen, wieder beweglicher zu werden.

Beweglichkeit und Flexibilität - was ist das eigentlich?

Bevor wir einsteigen, eine kurze Begriffsklärung: Wenn wir über die wohltuenden Aspekte von Yoga sprechen, wollen wir Beweglichkeit fördern, und nicht Flexibilität.

Im Yoga geht es, anders als bei der Akrobatik, nicht darum, einen flexiblen Körper zu entwickeln. Es geht darum, über die Körperarbeit Beweglichkeit zu kultivieren. Damit meine ich, eine physische und psychische Balance zu finden. Und das wiederum beginnt bei den Gelenken: Yoga kann dabei unterstützen, (wieder) ein gesundes Maß an Beweglichkeit der Gelenke zu finden.

Flexibilität ≠ Beweglichkeit

Flexibilität und Beweglichkeit werden oft gleichgesetzt: Dabei beschreibt Flexibilität allein die Fähigkeit eines Muskels, vollständig zu strecken. Das heißt aber nicht, dass ein vollständig gestreckter Muskel allein eine gesunde Beweglichkeit fördert. Das wissen sehr flexible Menschen zu gut.

Wenn ein Muskel, der über ein Gelenk verläuft und zwei Knochen miteinander verbindet, nicht flexibel ist, dann beeinträchtigt dieser Muskel die Beweglichkeit eines Gelenks. Damit beeinflusst Flexibilität die Beweglichkeit, letztere aber nicht ersteres.

Wann ist ein Gelenk beweglich?

Unsere Körperhaltung entsteht dadurch, dass jeder Knochen mit einem anderen Knochen über ein Gelenk in einem bestimmten Winkel verbunden ist. Dieser Winkel, der von der Art des Gelenks abhängt, wird von der Stärke des Gewebes bestimmt, das das Gelenk umgibt.

Beweglichkeit beschreibt die Art und Weise, wie sich ein Gelenk bewegt. Dabei gibt es zahlreiche Faktoren, die einen Einfluss darauf haben: Zum Beispiel die Gesundheit der Gelenke (Knochen, Knorpel), aber auch der Zustand des Gewebes um ein Gelenk herum. Dazu gehören beispielsweise Muskeln, Sehnen, Bänder und das Fasziengewebe. Die Fähigkeit eines Gelenks zur Bewegung wird also maßgeblich durch das umliegende Gewebe bestimmt.

Mit Yoga wollen wir unter anderem das Zusammenspiel der Muskel-Faszienzüge fördern, um so den kompletten Bewegungs(spiel)raum zu erschließen.

Die Bewegungskette zwischen Händen und Schultern ist sehr komplex - und diese vermeintlich einfach Bewegung "Reverse Namasté" ebenfalls.

Und wie werden wir nun beweglicher?

Schauen wir uns das Gewebe um die Gelenke an. Die Beweglichkeit hängt davon ab, wie stark oder schwach, kurz oder lang Muskeln sind, aber auch von der Zug- und Druckelastizität des Bindegewebes.

Da ist der Punkt Muskeln: Für jemanden, der bereits auf dem Weg zum Spagat ist, macht es aus yogischer Sicht wenig Sinn, dies intensiv zu forcieren. Dauerhaft kann das schlimmstenfalls Gelenke schädigen. Wenn man auf der anderen Seite im Sitzen nicht mehr die Schuhe binden kann, muss man durchaus auf die Flexibilität muskulärer Strukturen im Rücken und den Oberschenkeln, insbesondere den Rückseiten (Hamstrings) schauen.

Nehmen wir einen anderen Bereich: den Brust-Schulter-Gurt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zu wissen, dass mehrere Gelenke (und viele Muskeln) die Schulterbeweglichkeit beeinflussen: das Handgelenk, der Ellenbogen und das Schultergelenk. Diese drei Gelenke arbeiten zusammen und bilden eine Bewegungskette. Hakt es an einer Stelle, kann die komplette Kette gestört sein.

Eine Mini-Sequenz zum Üben findest du in Kürze auf unserem Blog.

Wir hatten zudem gesagt, dass auch die Flexibilität dabei helfen kann, beweglicher zu werden. Und da kommt das Dehnen ins Spiel. Im Vergleich mit anderen Sportarten hat Yoga - auf der rein körperlichen Ebene – einen hohen Anteil von Möglichkeiten, zu dehnen beziehungsweise mehr Zeit in einer Dehnung zu verbringen.

Gut ausgerichtet eine Dehnung vorzubereiten, ist sehr wichtig.

Meiner Erfahrung nach ist die Kombination aus aktivem und passivem Vorgehen sinnvoll. Und so funktioniert es: Du nutzt zunächst die aktive Dehnung, um sicher und gut ausgerichtet in eine Übung zu gleiten. Durch das Anspannen eines Muskels hat sein Gegenspieler die Chance loszulassen. Gut in der Übung angekommen, kannst du den aktiven Widerstand immer mehr zurücknehmen. Lass dich ein. Das mehrere Minuten haltend haben die Muskeln wirklich eine die Chance, sich langsam zu verlängern.

Ein dritter Aspekt, der mit Blick auf die Beweglichkeit nicht zu vernachlässigen ist, ist das Bindegewebe: Die bis zu drei Millimeter dicken Faszien umschließen Organe, Muskeln, Nerven, Knochen und Gelenke und verbinden alle Bestandteile des Körpers miteinander. Lange Zeit wurde dieses Gewebe aus Zellen, Kollagenfasern und Wasser als reines Hüllgewebe angesehen. Oft ist diese feine, großflächige Struktur „verklebt“. Um die Elastizität wieder herzustellen, kann eine Faszienrolle, einem Physioball oder ein Tennisball helfen. Damit übst du Druck auf das Gewebe aus und ermöglichst es so dem myofaszialen Gewebe im Körper, sich zu entspannen und zu lockern. Allerdings – das sei hier auch gesagt – ist die Studienlage noch mau und manche Experten raten sogar vom Einsatz solcher Hilfsmittel ab.

Fazit

Der Begriff Beweglichkeit ist vieldimensional. Einige dieser Aspekte können mit Yoga sehr gut geübt werden. Mit einer regelmäßigen Praxis auf der Matte kann also der Bewegungsspielraum vergrößert werden, indem das Gewebe um die Gelenke herum flexibler, stärker und gesünder wird.